Wonder Boy 2 / Bikkuriman World
Jump´n´run

Lyrion
April 07
 

Erst kürzlich habe ich in einer Fachzeitschrift gelesen, dass Sega eine Wonder Boy-Collection mit allen sechs Teilen dieser weltbekannten Spielreihe veröffentlichen möchte. Wie groß war da meine augenblickliche Freude. Sie hat aber wirklich nur einen einzigen Augenblick lang gedauert, denn gleich in der nächsten Zeile stand, dass ein Release außerhalb der japanischen Grenzen sehr unwahrscheinlich ist. Nach dem kurzwährenden Augenblick der Freude folgte also gleich einer jener Augenblicke, in denen man seine jahrelang wohlbehütete Sonic-Plüschfigur aus dem Schrank hervorholt, sie auf eine provisorische, aus einem Wiegemesser selbstgebastelte Guillotine legt und sie ohne auch nur mit der Wimper zu zucken enthauptet (Wattebüschel fliegen durch die Luft.). Danach näht man Sonic unter Tränen des Schmerzes den Kopf zum x-ten Mal wieder an. Die Wonder Boy-Collection geht vor dem geistigen Auge in Flammen auf und verbrennt zu Asche. Schon wieder wird man als Nichtjapaner von Sega ignoriert! Was hat man denn Sega getan? Hat man nicht immer alle Sega-Spiele fleißig gekauft und unzählige Stunden mit ihnen verbracht? Warum darf man sich nun nicht auch noch die Wonder Boy-Collection holen? Warum nur?! WARUM!?!?!?

Piep piep piep... Piep piep piep… Schweißgebadet wache ich auf. Das war nur ein böser Alptraum, aber trotzdem mit einem bitteren Beigeschmack verbunden, denn die Zeilen aus der Fachzeitschrift entsprechen der Wahrheit. Man nimmt diese Meldung aber gelassen hin. Schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt, und außerdem: Wunder gibt es immer wieder! Mit einer nicht gerade kleinen Portion Optimismus im Gepäck reise ich sogleich wieder zurück in die Vergangenheit, dahin, wo alles begann. Das erste Wonder Boy-Spiel war schon sensationell und hat uns, meinen Bruder, einige Freunde und mich, stunden- und tagelang vor dem Bildschirm gefesselt. Wir haben damals nur die C-64-Version spielen dürfen, aber diese war schon genial. Die absolute Krönung folgte dann aber alsbald mit Super Wonder Boy in Monster Land alias Wonder Boy 2, wie Activisions Konvertierung von Wonder Boy in Monster Land für die damals sehr gängigen Heimcomputer hieß. Dieses Spiel war von heute auf morgen in aller Munde, und wenn ich so recht darüber nachdenke, dann lag das wohl in erster Linie an dem Präfix "Super", den Activision ihren Konvertierungen beigefügt hatte. Das Wörtchen "Super" war damals wirklich nur sehr selten in Spielnamen zu finden. War das der Fall, dann war das Spiel auch wirklich super, und als Spieler bzw. Käufer hat man natürlich auch ein super Spiel erwartet, und nicht nur ein leeres Versprechen. Erst seit der Einführung von Super Nintendo änderte sich dieses Prinzip, denn nun konnte man "Super"-Spiele veröffentlichen, die in der Regel vieles, aber nur in den wenigsten Fällen super waren, da das "Super" sich ja auf die Konsole, auf der das Spiel erschienen war, bezog. Aber ich schweife vom Thema ab. Wonder Boy in Monster Land war also super, auch wenn einige Fachzeitschriften da bezüglich einiger Konvertierungen einer anderer Meinung waren, und für viele Spieler ging mit diesem Spiel ein Traum in Erfüllung.

Meine erste Begegnung mit Super Wonder Boy war in einem Kaufhaus, als ich zusammen mit meinem Bruder auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für einen Schulfreund war. Das Spiel war erst seit wenigen Tagen draußen und wir wussten noch nicht von den Konvertierungen für die Heimcomputer, da wir noch nicht sehr regelmäßig durch Fachzeitschriften blätterten (Das kleine Taschengeld war uns für Zeitschriften zu schade, es wurde lieber direkt in Software investiert. Und an die nötigen Infos kam man irgendwie über Mundpropaganda dran.). Urplötzlich tauchte beim Stöbern in den Regalen eine kleine bunte Pappschachtel mit einer in eine Rüstung gekleideten Figur und der Aufschrift "Super Wonder Boy in Monster Land" auf. Im Inneren befand sich laut Verpackung eine Kassette für den Commodore 64. War das eine Überraschung! Sofort und ohne zu überlegen wurde dieses Spiel als das passende Geschenk ausgesucht. Aber nur wenige Minuten nachdem wir dann zu Hause angekommen waren, juckte es uns gewaltig in den Fingern. Gemeinsam haben wir uns dann dazu durchgedrungen (Dies fiel uns wirklich sehr leicht…) das Spiel für uns zu behalten und für den besagten Schulfreund ein anderes Spiel zu holen. Also wurden dann unsere Ersparnisse zusammengekratzt und wir machten uns erneut auf den Weg in die Stadt. In Windeseile waren wir auch wieder zurück, haben es uns vor dem Monitor gemütlich gemacht und sind in die bunte Welt von Monster World eingetaucht, so für die nächsten zwei Wochen, meine ich. =) Zu unserer Entschuldigung muss ich noch sagen, dass wir unserem Schulfreund ein fast ebenso gutes Spiel schenkten, und in den Genuss von Super Wonder Boy in Monster Land ist er auch gekommen, denn er durfte sich das Spiel von uns ausleihen, aber erst nachdem wir es komplett durchgespielt hatten, versteht sich.

Was machte aber Wonder Boy in Monster Land zu so einem tollen Spiel? Die Antwort ist recht einfach. Es waren die vielen Adventure-Anteile und das schöne Grafikdesign, die einem gewöhnlichen Jump´n´run die Fähigkeit verliehen, den Spieler in ein Märchen zu versetzen. Vielleicht kann man dies als Außenstehender nicht richtig nachvollziehen, aber wer selbst einmal diese Erfahrung gemacht hat, der weiß wovon ich spreche. Dieses Spiel machte einen Heidenspaß, egal auf welchem System, und es definierte das seltene Genre der Jump´n´run-Adventures. Dazu kommen noch die genialen Musikstücke, welche sich sofort ins Gedächtnis einprägen und einen ein Leben lang nicht mehr loslassen.

Nun will ich aber etwas genauer auf die Spielmechanik eingehen. Bei Wonder Boy in Monster Land übernimmt man die Rolle des kleinen Wunderknaben (Na, wer hätte das gedacht?), der anfangs nur in einer Unterhose oder Windel gekleidet dahergelaufen kommt. Gleich hinter der allerersten Tür in einem Baumstumpf erfährt man von einer Wahrsagerin, dass das Land von bösen Monstern heimgesucht wurde und man selbst zum Helden auserkoren sei, der das Böse in Form eines Drachen vertreiben und den Frieden wiederherstellen soll. Daraufhin bekommt man ein Schwert und einen Heiltrank von der Wahrsagerin ausgehändigt und darf sich nun in das große Abenteuer stürzen. Vom Windelträger zum Superhelden, so sieht also die Zukunft unseres Wunderknaben aus. Der erste Level ist noch einfach und kurz. Hier ein paar Münzen aufsammeln, die man überall im Spiel aufstöbern sollte oder besser gesagt muss (Dazu empfiehlt es sich immer an so markanten Punkten wie z.B. unter den Spitzen von Bäumen oder auf abseits vom direkten Weg gelegenen Wolken in die Luft zu springen, um so die vielen unsichtbaren Schätze freizulegen.), den ersten Endgegner, den Tod, besiegen und ihm den Schlüssel für das Tor zum nächsten Level abluchsen, diesen ein Stück weiter des Weges benutzen, Bonuspunkte einkassieren und das war´s. Bonuspunkte bzw. Punkte im Allgemeinen sind bei diesem Spiel besonders wichtig, denn für sie bekommt man insgesamt fünf zusätzliche Herzen, von denen man später eigentlich nie genug haben kann. Das erste Extraherz gibt es für 30.000 Punkte, das zweite dann für 100.000 Punkte usw. Daher sollte man stets bemüht sein, jeden Level möglichst gut, im Idealfall mit voll gefüllter Lebensanzeige, abzuschließen. Das ist aber nicht so einfach, denn nicht nur die vielen Gegner sorgen für evtl. Energieverlust sondern auch noch die Zeit. Läuft die Sanduhr nämlich einmal ab, so büßt man einen kleinen Teil seiner Lebensenergie ein. Und eines kann ich sagen: das Zeitlimit ist hier knallhart kalkuliert! Man darf sich also nicht der Illusion hingeben, dass man dieses Spiel gleich beim allerersten Mal beenden kann. Nein, vielmehr erfordert Wonder Boy in Monster Land unzählige Versuche, die primär dazu dienen sollten, sich die zahlreichen geheimen Stellen im Spiel zu merken. Einige Hinweise erhält man vorzugsweise in den Tavernen, wo man allerdings erst etwas Geld locker machen muss, um sich einen Drink zu bestellen. So verpulvert man natürlich unnötig das hart erkämpfte Geld, das man in erster Linie für die legendäre Ausrüstung benötigt, welche sich aus Schuhen, einem Schild, einer Rüstung und einem Schwert (Schwerter kann man allerdings nicht in den Läden erwerben, man muss sie schon den Bossen abnehmen.) zusammensetzt. Helme und Handschuhe gibt es auch noch, aber ihr Gebrauch ist nur zeitlich begrenzt. Mit dieser Ausrüstung ist das Leben in Monster Land um einiges leichter, aber erstmal soweit kommen. Der Adventure-Anteil wird hauptsächlich durch die unterschiedliche Ausrüstung und die kurzen Gespräche mit den friedfertigen Bewohnern von Monster Land definiert. Er ist also nicht groß, damals war dies aber bahnbrechend. Und unterschiedliche Magiearten, welche von unserem Wonder Boy benutzt werden können, gibt es auch noch. Bomben, Feuerbälle, Wirbelwinde oder Blitzschläge, das alles erleichtert das Leben, vor allem bei den wirklich harten Boss-Kämpfen. Die Bosse sind wirklich sehr interessant und unterschiedlich, und sie erfordern immer andere Vorgehensweisen. Aber wie schon gesagt, das Spiel ist wirklich nicht leicht, und bevor man in der Lage sein wird den letzten Level, der ein verzwicktes Labyrinth darstellt, zu erreichen, werden viele Stunden und Tage vergehen. =)

Da Wonder Boy in Monster Land so gut bei den Spielern ankam, wurde es damals für nahezu jedes System konvertiert. Wie anfangs beschrieben, habe ich die C-64-Version zuerst in die Finger gekriegt. Aber im Laufe der Zeit durfte ich noch andere Versionen spielen, auf die ich nun hier kurz eingehen möchte. Als erstes sollte die originale und über alles erhabene Arcade-Fassung genannt werden. Das Original ist natürlich sehr schön, aber auch sehr schwer, so dass man hier ohne etwas Übung bereits beim roten Ritter, dem dritten Endgegner, verzweifeln kann. Segas Heimversion für das Master System ist dagegen etwas leichter ausgefallen. Wahrscheinlich, weil man die Konsolenspiele etwas kindgerechter gestalten wollte. So hat man bei der Sega Master System-Version direkt zu Beginn des Spieles eine schicke Lederrüstung an. Im Allgemeinen kann man sagen, dass sich alle Konvertierungen bis auf die für die PC-Engine stark nach dem Original richten, es jedoch hier und da einige kleine Unterschiede im Detail gibt. Die von mir vielgeliebte C-64-Version fällt zum Beispiel durch die relativ klein geratene Spielfigur auf. Sie wurde aber sehr sauber programmiert und spielt sich zudem noch sehr gut, was man von der Amiga-Version, die grafisch der Arcade-Vorlage sehr ähnelt, nur bedingt behaupten kann. Da ist die Steuerung etwas schwerer zu handhaben und man muss sich auch noch mit sehr langen Ladezeiten zwischen den einzelnen Spielabschnitten herumplagen. Und wenn man Gebrauch von der Continue-Option macht, verliert man das ganze bis dahin gesammelte Geld und die bereits erworbenen Ausrüstungsgegenstände. Daher gibt es bei dieser Version Abzüge in der Wertung. Zum Schluss möchte ich noch auf die von Hudson Soft programmierte Version für die PC-Engine eingehen. Aus lizenztechnischen Gründen heißt sie auch anders, nämlich Bikkuriman World, und unterscheidet sich sehr stark von den bereits angesprochenen Versionen in der grafischen Gestaltung. So gibt es hier ganz andere Endgegner zu bewundern, und das ganze Spiel ist noch etwas mehr in dem typisch japanischen Anime-Stil ausgefallen als der Arcade-Ursprung, was jedoch sehr zu gefallen weiß. Und sie ist um einiges schwerer als das Original.

Wonder Boy in Monster Land war der Auftakt zur äußerst beliebten und insgesamt vier Teile umfassenden Monster World-Saga (Teil 2 heißt Wonder Boy 3 - Dragon´s Trap bzw. Adventure Island oder Dragon´s Curse alias Wonderboy 4, Teil 3 Wonder Boy in Monster World alias Wonder Boy 5 und Teil 4 heißt schlicht und einfach nur Monster World 4 alias Wonder Boy 6), welche eigentlich mit jedem weiteren Spiel einen neuen Höhepunkt erreichte. So etwas kann man wahrlich nicht von jeder Serie behaupten. Deshalb kann Wonder Boy in Monster Land in jedem Fall als ein großer Meilenstein angesehen werden. Die Monster World Complete Collection, wie der offizielle Titel dieser Compilation lautet, ist in Japan mittlerweile für die Playstation 2 zu haben, und wer kein Master System oder Mega Drive mit zumindest einem einzigen Teil der Monster World-Saga bei sich zu Hause stehen hat, der sollte sich auf alle Fälle diese grandiose Spielesammlung als Import zulegen. Bis auf Monster World 4 sind alle anderen Wonder Boy-Titel auch ganz ohne Kenntnisse der japanischen Sprache spielbar (Englisch ist aber erforderlich!). Also auf ins Monster Land!