Erst kürzlich habe ich in einer Fachzeitschrift gelesen, dass Sega
eine Wonder Boy-Collection mit allen sechs Teilen dieser weltbekannten
Spielreihe veröffentlichen möchte. Wie groß war da meine
augenblickliche Freude. Sie hat aber wirklich nur einen einzigen Augenblick
lang gedauert, denn gleich in der nächsten Zeile stand, dass ein
Release außerhalb der japanischen Grenzen sehr unwahrscheinlich
ist. Nach dem kurzwährenden Augenblick der Freude folgte also gleich
einer jener Augenblicke, in denen man seine jahrelang wohlbehütete
Sonic-Plüschfigur aus dem Schrank hervorholt, sie auf eine provisorische,
aus einem Wiegemesser selbstgebastelte Guillotine legt und sie ohne auch
nur mit der Wimper zu zucken enthauptet… (Wattebüschel fliegen
durch die Luft…) Danach näht man Sonic unter Tränen des
Schmerzes den Kopf zum x-ten Mal wieder an... Die Wonder Boy-Collection
geht vor dem geistigen Auge in Flammen auf und verbrennt zu Asche…
Schon wieder wird man als Nichtjapaner von Sega ignoriert! Was hat man
denn Sega getan? Hat man nicht immer alle Sega-Spiele fleißig gekauft
und unzählige Stunden mit ihnen verbracht? Warum darf man sich nun
nicht auch noch die Wonder Boy-Collection holen? Warum nur…?! WARUM!?!?!?
Piep piep piep... Piep piep piep… Schweißgebadet wache
ich auf… Das war nur ein böser Alptraum, aber trotzdem mit
einem bitteren Beigeschmack verbunden, denn die Zeilen aus der Fachzeitschrift
entsprechen der Wahrheit… Man nimmt diese Meldung aber gelassen
hin. Schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt, und außerdem:
Wunder gibt es immer wieder! Mit einer nicht gerade kleinen Portion
Optimismus im Gepäck reise ich sogleich wieder zurück in die
Vergangenheit, dahin, wo alles begann… Das erste Wonder Boy-Spiel
war schon sensationell und hat uns, meinen Bruder, einige Freunde und
mich, stunden- und tagelang vor dem Bildschirm gefesselt. Wir haben
damals nur die C-64-Version spielen dürfen, aber diese war schon
genial. Die absolute Krönung folgte dann aber alsbald mit Super
Wonder Boy in Monster Land alias Wonder Boy 2, wie Activisions Konvertierung
von Wonder Boy in Monster Land für die damals sehr gängigen
Heimcomputer hieß. Dieses Spiel war von heute auf morgen in aller
Munde, und wenn ich so recht darüber nachdenke, dann lag das wohl
in erster Linie an dem Präfix "Super", den Activision
ihren Konvertierungen beigefügt hatte. Das Wörtchen "Super"
war damals wirklich nur sehr selten in Spielnamen zu finden. War das
der Fall, dann war das Spiel auch wirklich super, und als Spieler bzw.
Käufer hat man natürlich auch ein super Spiel erwartet, und
nicht nur ein leeres Versprechen. Erst seit der Einführung von
Super Nintendo änderte sich dieses Prinzip, denn nun konnte man
"Super"-Spiele veröffentlichen, die in der Regel vieles,
aber nur in den wenigsten Fällen super waren, da das "Super"
sich ja auf die Konsole, auf der das Spiel erschienen war, bezog. Aber
ich schweife vom Thema ab. Wonder Boy in Monster Land war also super,
auch wenn einige Fachzeitschriften da bezüglich einiger Konvertierungen
einer anderer Meinung waren, und für viele Spieler ging mit diesem
Spiel ein Traum in Erfüllung.
Meine erste Begegnung mit Super Wonder Boy war in einem Kaufhaus, als
ich zusammen mit meinem Bruder auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk
für einen Schulfreund war. Das Spiel war erst seit wenigen Tagen
draußen und wir wussten noch nicht von den Konvertierungen für
die Heimcomputer, da wir noch nicht sehr regelmäßig durch
Fachzeitschriften blätterten (Das kleine Taschengeld war uns für
Zeitschriften zu schade, es wurde lieber direkt in Software investiert.
Und an die nötigen Infos kam man irgendwie über Mundpropaganda
dran.). Urplötzlich tauchte beim Stöbern in den Regalen eine
kleine bunte Pappschachtel mit einer in eine Rüstung gekleideten
Figur und der Aufschrift "Super Wonder Boy in Monster Land"
auf. Im Inneren befand sich laut Verpackung eine Kassette für den
Commodore 64. War das eine Überraschung! Sofort und ohne zu überlegen
wurde dieses Spiel als das passende Geschenk ausgesucht. Aber nur wenige
Minuten nachdem wir dann zu Hause angekommen waren, juckte es uns gewaltig
in den Fingern. Gemeinsam haben wir uns dann dazu durchgedrungen (Dies
fiel uns wirklich sehr leicht…) das Spiel für uns zu behalten
und für den besagten Schulfreund ein anderes Spiel zu holen. Also
wurden dann unsere Ersparnisse zusammengekratzt und wir machten uns
erneut auf den Weg in die Stadt. In Windeseile waren wir auch wieder
zurück, haben es uns vor dem Monitor gemütlich gemacht und
sind in die bunte Welt von Monster World eingetaucht, so für die
nächsten zwei Wochen, meine ich… =) Zu unserer Entschuldigung
muss ich noch sagen, dass wir unserem Schulfreund ein fast ebenso gutes
Spiel schenkten, und in den Genuss von Super Wonder Boy in Monster Land
ist er auch gekommen, denn er durfte sich das Spiel von uns ausleihen,
aber erst nachdem wir es komplett durchgespielt hatten, versteht sich.
Was machte aber Wonder Boy in Monster Land zu so einem tollen Spiel?
Die Antwort ist recht einfach. Es waren die vielen Adventure-Anteile
und das schöne Grafikdesign, die einem gewöhnlichen Jump´n´run
die Fähigkeit verliehen, den Spieler in ein Märchen zu versetzen.
Vielleicht kann man dies als Außenstehender nicht richtig nachvollziehen,
aber wer selbst einmal diese Erfahrung gemacht hat, der weiß wovon
ich spreche. Dieses Spiel machte einen Heidenspaß, egal auf welchem
System, und es definierte das seltene Genre der Jump´n´run-Adventures.
Dazu kommen noch die genialen Musikstücke, welche sich sofort ins
Gedächtnis einprägen und einen ein Leben lang nicht mehr loslassen.
Nun will ich aber etwas genauer auf die Spielmechanik eingehen. Bei
Wonder Boy in Monster Land übernimmt man die Rolle des kleinen
Wunderknaben (Na, wer hätte das gedacht?), der anfangs nur in einer
Unterhose oder Windel gekleidet dahergelaufen kommt. Gleich hinter der
allerersten Tür in einem Baumstumpf erfährt man von einer
Wahrsagerin, dass das Land von bösen Monstern heimgesucht wurde
und man selbst zum Helden auserkoren sei, der das Böse in Form
eines Drachen vertreiben und den Frieden wiederherstellen soll. Daraufhin
bekommt man ein Schwert und einen Heiltrank von der Wahrsagerin ausgehändigt
und darf sich nun in das große Abenteuer stürzen. Vom Windelträger
zum Superhelden, so sieht also die Zukunft unseres Wunderknaben aus.
Der erste Level ist noch einfach und kurz. Hier ein paar Münzen
aufsammeln, die man überall im Spiel aufstöbern sollte oder
besser gesagt muss (Dazu empfiehlt es sich immer an so markanten Punkten
wie z.B. unter den Spitzen von Bäumen oder auf abseits vom direkten
Weg gelegenen Wolken in die Luft zu springen, um so die vielen unsichtbaren
Schätze freizulegen.), den ersten Endgegner, den Tod, besiegen
und ihm den Schlüssel für das Tor zum nächsten Level
abluchsen, diesen ein Stück weiter des Weges benutzen, Bonuspunkte
einkassieren und das war´s. Bonuspunkte bzw. Punkte im Allgemeinen
sind bei diesem Spiel besonders wichtig, denn für sie bekommt man
insgesamt fünf zusätzliche Herzen, von denen man später
eigentlich nie genug haben kann. Das erste Extraherz gibt es für
30.000 Punkte, das zweite dann für 100.000 Punkte usw. Daher sollte
man stets bemüht sein, jeden Level möglichst gut, im Idealfall
mit voll gefüllter Lebensanzeige, abzuschließen. Das ist
aber nicht so einfach, denn nicht nur die vielen Gegner sorgen für
evtl. Energieverlust sondern auch noch die Zeit. Läuft die Sanduhr
nämlich einmal ab, so büßt man einen kleinen Teil seiner
Lebensenergie ein. Und eines kann ich sagen: das Zeitlimit ist hier
knallhart kalkuliert! Man darf sich also nicht der Illusion hingeben,
dass man dieses Spiel gleich beim allerersten Mal beenden kann. Nein,
vielmehr erfordert Wonder Boy in Monster Land unzählige Versuche,
die primär dazu dienen sollten, sich die zahlreichen geheimen Stellen
im Spiel zu merken. Einige Hinweise erhält man vorzugsweise in
den Tavernen, wo man allerdings erst etwas Geld locker machen muss,
um sich einen Drink zu bestellen. So verpulvert man natürlich unnötig
das hart erkämpfte Geld, das man in erster Linie für die legendäre
Ausrüstung benötigt, welche sich aus Schuhen, einem Schild,
einer Rüstung und einem Schwert (Schwerter kann man allerdings
nicht in den Läden erwerben, man muss sie schon den Bossen abnehmen.)
zusammensetzt. Helme und Handschuhe gibt es auch noch, aber ihr Gebrauch
ist nur zeitlich begrenzt. Mit dieser Ausrüstung ist das Leben
in Monster Land um einiges leichter, aber erstmal soweit kommen. Der
Adventure-Anteil wird hauptsächlich durch die unterschiedliche
Ausrüstung und die kurzen Gespräche mit den friedfertigen
Bewohnern von Monster Land definiert. Er ist also nicht groß,
damals war dies aber bahnbrechend. Und unterschiedliche Magiearten,
welche von unserem Wonder Boy benutzt werden können, gibt es auch
noch. Bomben, Feuerbälle, Wirbelwinde oder Blitzschläge, das
alles erleichtert das Leben, vor allem bei den wirklich harten Boss-Kämpfen.
Die Bosse sind wirklich sehr interessant und unterschiedlich, und sie
erfordern immer andere Vorgehensweisen. Aber wie schon gesagt, das Spiel
ist wirklich nicht leicht, und bevor man in der Lage sein wird den letzten
Level, der ein verzwicktes Labyrinth darstellt, zu erreichen, werden
viele Stunden und Tage vergehen. =)
Da Wonder Boy in Monster Land so gut bei den Spielern ankam, wurde
es damals für nahezu jedes System konvertiert. Wie anfangs beschrieben,
habe ich die C-64-Version zuerst in die Finger gekriegt. Aber im Laufe
der Zeit durfte ich noch andere Versionen spielen, auf die ich nun hier
kurz eingehen möchte. Als erstes sollte die originale und über
alles erhabene Arcade-Fassung genannt werden. Das Original ist natürlich
sehr schön, aber auch sehr schwer, so dass man hier ohne etwas
Übung bereits beim roten Ritter, dem dritten Endgegner, verzweifeln
kann. Segas Heimversion für das Master System ist dagegen etwas
leichter ausgefallen. Wahrscheinlich, weil man die Konsolenspiele etwas
kindgerechter gestalten wollte. So hat man bei der Sega Master System-Version
direkt zu Beginn des Spieles eine schicke Lederrüstung an. Im Allgemeinen
kann man sagen, dass sich alle Konvertierungen bis auf die für
die PC-Engine stark nach dem Original richten, es jedoch hier und da
einige kleine Unterschiede im Detail gibt. Die von mir vielgeliebte
C-64-Version fällt zum Beispiel durch die relativ klein geratene
Spielfigur auf. Sie wurde aber sehr sauber programmiert und spielt sich
zudem noch sehr gut, was man von der Amiga-Version, die grafisch der
Arcade-Vorlage sehr ähnelt, nur bedingt behaupten kann. Da ist
die Steuerung etwas schwerer zu handhaben und man muss sich auch noch
mit sehr langen Ladezeiten zwischen den einzelnen Spielabschnitten herumplagen.
Und wenn man Gebrauch von der Continue-Option macht, verliert man das
ganze bis dahin gesammelte Geld und die bereits erworbenen Ausrüstungsgegenstände.
Daher gibt es bei dieser Version Abzüge in der Wertung. Zum Schluss
möchte ich noch auf die von Hudson Soft programmierte Version für
die PC-Engine eingehen. Aus lizenztechnischen Gründen heißt
sie auch anders, nämlich Bikkuriman World, und unterscheidet sich
sehr stark von den bereits angesprochenen Versionen in der grafischen
Gestaltung. So gibt es hier ganz andere Endgegner zu bewundern, und
das ganze Spiel ist noch etwas mehr in dem typisch japanischen Anime-Stil
ausgefallen als der Arcade-Ursprung, was jedoch sehr zu gefallen weiß.
Und sie ist um einiges schwerer als das Original.
Wonder Boy in Monster Land war der Auftakt zur äußerst beliebten
und insgesamt vier Teile umfassenden Monster World-Saga (Teil 2 heißt
Wonder Boy 3 - Dragon´s Trap bzw. Adventure Island oder Dragon´s
Curse alias Wonderboy 4, Teil 3 Wonder Boy in Monster World alias Wonder
Boy 5 und Teil 4 heißt schlicht und einfach nur Monster World
4 alias Wonder Boy 6), welche eigentlich mit jedem weiteren Spiel einen
neuen Höhepunkt erreichte. So etwas kann man wahrlich nicht von
jeder Serie behaupten. Deshalb kann Wonder Boy in Monster Land in jedem
Fall als ein großer Meilenstein angesehen werden. Die Monster
World Complete Collection, wie der offizielle Titel dieser Compilation
lautet, ist in Japan mittlerweile für die Playstation 2 zu haben,
und wer kein Master System oder Mega Drive mit zumindest einem einzigen
Teil der Monster World-Saga bei sich zu Hause stehen hat, der sollte
sich auf alle Fälle diese grandiose Spielesammlung als Import zulegen.
Bis auf Monster World 4 sind alle anderen Wonder Boy-Titel auch ganz
ohne Kenntnisse der japanischen Sprache spielbar (Englisch ist aber
erforderlich!). Also auf ins Monster Land!
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